Das Untersuchungsgebiet auf der Parzelle 4271 in Tumegl/Tomils (Gemeinde Domleschg GR) befindet sich an einem Hang direkt nordöstlich der früh- bis spätmittelalterlichen Kirchenanlage Sogn Murezi. An diesem bis zum Sommer 2025 unbebauten Hang, an dem sich vier Parzellen befinden (Parz. 4058 und Parz. 4271-4273), ist die betreffende Parzelle die am nordöstlichsten gelegene. Ausgelöst wurde die geplante Notgrabung durch den Bau eines Einfamilienhauses.
In der Vergangenheit fanden bereits verschiedene Grabungen und Sondagen auf der betreffenden Parzelle statt, die für die Deutung der im Ereignis dokumentierten Funde und Befunde relevant sind:
Bei den grossangelegten Ausgrabungen der Kirchenanlage Sogn Murezi (1994–2011) kamen neben den bedeutenden Befunden der mittelalterlichen Kirchenanlage auch bronze-, eisen- und römerzeitliche Funde und Befunde zum Vorschein. Im Bereich der ehemaligen Kirchenanlage konnte zum Beispiel eine Kulturschicht mit dazugehörigem Steinzug beobachtet werden, welche als Siedlungsphase interpretiert und mittels 14C-Datierung in den Beginn der Spätbronzezeit verortet wurde (Mittelwert um 1329 v. Chr.). In die erwähnte Kulturschicht tiefte eine Grube ein, in welcher zahlreiche spätbronzezeitliche Keramikfragmente gefunden wurden. Ebenfalls fanden sich in diesem Bereich verschiedene römische Baustrukturen.
Es wurden auch abseits der Hauptgrabungsfläche, auf der Parzelle 4448, welche ca. 50 m hangabwärts und südöstlich der 2025 gegrabenen Parzelle 4271 liegt, zwei Sondageschnitte angelegt. Der hier dokumentierte Bodenaufbau entspricht dem auch in späteren archäologischen Eingriffen beobachteten Aufbau aus humosem Oberboden, Kolluvium von bis zu 1.7 m Mächtigkeit und einer schottrigen Moränenablagerung als anstehender Boden. Unterhalb des Kolluviums konnte eine holzkohlenhaltige Grube, welche leicht in das Moränenmaterial eingetieft war, dokumentiert werden. Anhand der in der Grube gefundenen Keramik wurde die Struktur in die Spätbronzezeit datiert.
Aufgrund des erwähnten Bauprojekts auf Parzelle 4271 wurden durch den Archäologischen Dienst Graubünden (ADG) im Februar 2025 – mehrere Monate vor Baubeginn – in jeder der betroffenen Parzellen in Zusammenarbeit mit der zuständigen Baufirma insgesamt fünf 1,5 m breite und bis zu 10 m lange Sondierschnitte angelegt. Unterhalb der Humusschicht sowie eines mächtigen fundleeren Kolluviums – welches wohl durch Erdrutsche und Murgänge entstanden ist – fanden sich Kulturschichten sowie in der nordwestlichen Sondage (Parzelle 4271) eine Brandgrube mit Holzkohle, bronzezeitlicher Keramik, kalzinierten Tierknochen sowie angrenzendem brandgerötetem Lehm. Im Schnitt in der südwestlichsten Parzelle (Parz. 4058) konnte ein mutmasslich ebenfalls urgeschichtliches Pfostenloch dokumentiert werden.
Diese Befunde aus den Sondagen machten klar, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit in allen vier Parzellen mit weiteren archäologischen Befunden zu rechnen ist. Vor Baubeginn des Einfamilienhauses auf Parzelle 4271 wurde deshalb in diesem Bereich im Juli und anfangs August 2025 eine flächige Grabung durch den ADG durchgeführt. Da aufgrund der Sondagen die Mächtigkeit der kolluvialen Schichten bekannt war, konnten diese zügig mit einem Bagger entfernt werden, um auf die archäologischen Kulturschichten zu gelangen. Nordwestlich und südöstlich der Sondage vom Februar auf dieser Parzelle wurden zwei Felder von etwa 11 auf 2.5 m Grösse definiert.
In beiden Feldern fanden sich unterhalb des Kolluviums im Nordosten im oberen Hangbereich stark schotterige Ablagerungen. Weiter südlich davon befand sich eine dunkelbraune, sandige Schicht, welche wenige Fragmente römerzeitlicher Keramik enthielt. Unterhalb der stark schotterigen Schicht befand sich eine ungefähr parallel zum Hang verlaufende zweischalige Trockenmauer, welche sich über die Breite beider Felder erstreckt und deren Schalen aus grossen Rollsteinen geschichtet waren. Sie war wohl nicht Teil eines Gebäudes, sondern kann als Hangstützmauer/Terrassierungsmauer angesprochen werden. Eine 14C-Probe aus der Mauer datiert in die Hallstattzeit (784–546 v. Chr. cal.).
Neben dieser Struktur konnte eine Reihe kleinerer Gruben und Pfostenlöcher dokumentiert werden. Sie tiefen in der Regel in den natürlichen, aus lockerem Schotter bestehenden Untergrund ein und sind aufgrund ihrer stratigraphischen Lage ebenfalls der Urgeschichte zuzuordnen.
Ein aufgrund seines Fundreichtums herausragender Befund fand sich hangabwärts im südöstlichsten Bereich der Grabungsfläche. Es handelte sich dabei um eine Schicht mit einer Mächtigkeit von mindestens 80 cm, welche aus dunkelgrauem sandigem Lehm mit sehr viel Holzkohle bestand. Eine 14C-Probe aus der Schicht datiert in die mittlere Bronzezeit (1504–1421 v. Chr. cal.). In der Struktur befand sich eine grössere Anzahl Gefässkeramikfragmente sowie verbrannte und unverbrannte Tierknochen. Einige Keramikstücke konnten typologisch sicher in die Bronzezeit datiert werden, andere gehören gemäss jetzigem Kenntnisstand eher in die Eisenzeit. So ist es wahrscheinlich, dass es sich bei der Struktur um verlagertes Material handelt, welches sich hangabwärts am südlichen Ende der Grabungsfläche sekundär abgelagert hat.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass im untersuchten Areal insbesondere in der älteren Eisenzeit und in der Bronzezeit eine stärkere menschliche Aktivität stattfand. Die Befunde weisen auf eine Siedlungsaktivität in der Bronzezeit hin sowie möglicherweise aufgrund des Vorhandenseins einer Terrassierungsmauer auf eine landwirtschaftliche Nutzung in der älteren Eisenzeit. Eine weitere Auswertung der Grabung sowie die geplanten Ausgrabungen auf den benachbarten Parzellen werden wohl noch weitere Hinweise und genauere Resultate zu den archäologischen Befunden in diesem Gebiet liefern. Möglicherweise lässt sich auch klären, ob und wie die bronzezeitlichen Befunde mit jenen aus den nahegelegenen älteren Grabungen im Zusammenhang stehen.
