Am 1. April 2025 meldete Claude Nauer, Haldenstein, dem Archäologischen Dienst, dass sich unterhalb der Pardislabrücke Holzpfähle im Flussbett des Rheins befinden, die aufgrund des niedrigen Wasserstands gut sichtbar waren und teils sogar trocken lagen (Abb. 1). Er berichtete, dass er auf alten Landkarten, die bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreichen, keinerlei Konstruktion, etwa eine Vorgängerbrücke, habe ausmachen können, mit der die Pfähle in Verbindung zu bringen wären. Vor der Rheinmelioration im Jahr 1860, so mutmasste er, mache eine Brücke funktional keinen Sinn, sodass eher an eine Wuhre zwecks Hochwasserschutz zu denken sei.
Die Pardislabrücke verbindet Chur und Haldenstein seit 2017 für den Langsamverkehr und wurde von der Conzett Bronzini Partner AG, Chur, konzipiert und erbaut. Jürg Conzett erläuterte auf Anfrage, dass die Pfähle aufgrund der Konstruktionsweise eher an ein Provisorium denken lassen und sie möglicherweise mit dem Bau des Oleodotto del Reno im Jahr 1966 in Zusammenhang stehen, da am Nordende der Brücke eine künstliche Aufschüttung bis ans Rheinufer besteht, die als Deponie eines Stollenausbruchs gedient haben könnte. In diesem Fall hätte es sich bei der Pfahlbrücke um eine temporäre Baustellenzufahrt gehandelt.
Vor Ort liessen sich in einem Abstand von jeweils etwa 12 m insgesamt vier Reihen mit je drei bis fünf, im Abstand von ca. 1 Meter gesetzten Pfählen feststellen, die im Flussbett oder in der Böschung des nördlichen Rheinufers stehen. Die Pfahlreihen sind, je nach Ausrichtung und Exposition zur Strömung hin, in der Zahl und Erhaltung unterschiedlich. Die Pfahlstümpfe weisen seitlich vereinzelt kleine Zapflöcher auf.
Die Konsultation von Luftbildern aus dem Zeitraum von 1956 bis 1966 lüftete schliesslich das Geheimnis um die rätselhaften Pfahlsetzungen. Während auf dem Foto aus dem Jahr 1956 im Rhein und an den beiden Uferzonen noch keine baulichen Eingriffe sichtbar sind, ist auf dem Luftbild vom 10. Oktober 1963 neben einem Steinbruch auf Haldensteiner Seite auch schwach eine dreijochige Brücke über den Rhein zu erkennen, für deren Zufahrt auf der rechten Seite des Rheins der heute noch bestehende Weg angelegt wurde. Das Luftbild vom 6. Mai 1964 dokumentiert die Nutzung der Brücke als Baustellenzufahrt, um die auf der Südseite des Rheins im Ausbau begriffene Autobahn mit dem Material aus dem Steinbruch zu versorgen (Abb. 2). Auf dem Luftbild vom 12. August 1966, also zwei Jahre später, ist die Autobahn in Betrieb und die Brücke bereits wieder abgebrochen. Zurück blieben die auf Höhe des Rheinspiegels gekappten Stümpfe der in den Rheingrund getriebenen Pfähle; diese haben bis in die Gegenwart dem Zahn der Zeit widerstanden.
Um die ermittelte Bauzeit auch dendrochronologisch zu bestätigen, wurden am 8. April 2025 an vier Pfählen Bohrkerne entnommen. Bei den verarbeiteten Stämmen handelt es sich um Fichten mit sehr unterschiedlichen Wuchsmustern und einer für den Stammdurchmesser vergleichsweise geringen Anzahl an Jahrringen. Bisher konnten die Jahrringkurven weder untereinander korreliert noch einzeln mit den datierten Referenzkurven in Synchronlage gebracht werden. Für die Probe 2 wäre am ehesten die End- und Fälljahrposition 1959 denkbar. Für eine sichere Datierung ist jedoch weder die optische noch die rechnerische Übereinstimmung mit den Referenzkurven ausreichend.
