Das kommunal denkmalgeschützte Gebäude an der Hohlandstrasse 4/6 in Oberwinterthur wird derzeit renoviert und umgebaut. Aufgrund der prominenten Lage in der Nähe der Kirche St. Arbogast auf dem Kirchhügel und in der Nähe des Zentrumsquartiers des römischen Vicus Vitudurum war mit Befunden und Schichten aus römischer Zeit, aber auch aus dem Mittelalter und der Neuzeit zu rechnen. Nach einer Bauuntersuchung und ersten Sondierungen 2018/19 wurde von November 2024 bis September 2025 eine Rettungsgrabung durchgeführt. Die anschliessenden baubegleitenden Massnahmen werden noch bis 2027 andauern. Das Bauprojekt sah einen Bodenabtrag von etwa 60 cm vor, sodass nur in Ausnahmefällen bis in den geologischen Untergrund gegraben werden konnte.

Als ältestes anthropogenes Niveau, wohl aus dem frühen 1. Jh. n. Chr., konnte ein diffuser Gehhorizont nachgewiesen werden. Auf diesem lagen die nordost-südwestlich-verlaufende Vicus-Hauptstrasse sowie die davon nach Südosten abzweigende sog. Quartierstrasse. Diese wies einen mächtigen Strassenkörper mit mindestens vier Erneuerungen auf. Östlich der Quartierstrasse wurde ein neues Gebäude entdeckt, das im Norden an der Vicus-Hauptstrasse über eine Portikus verfügte. Das Gebäude wies mindestens fünf Bauphasen mit teils gleichbleibender, teils wechselnder Raumaufteilung auf. Die Nutzungsschichten einer frühen Phase mit Holzkohle und Schlackestücken deuten auf eine handwerkliche Nutzung im Bereich der Metallverarbeitung hin. Ab dem ausgehenden 2. Jh. schloss südöstlich daran ein grosser zentraler Bau an. Das Verhältnis dieser Gebäude zueinander – sowohl in chronologischer als auch in funktionaler Hinsicht – muss aber vorerst offenbleiben.

Um 294 n. Chr. wurde das Zentrum des Vicus befestigt. Das genannte Gebäude wurde abgebrochen und darüber eine mächtige Wehrmauer errichtet. Diese war im Sockelbereich mit massiven Sandsteinquadern verkleidet und mass an der breitesten Stelle 4 m. Aus der Mauer ragt ein halbrunder Turm vor. Es handelt sich dabei erst um den dritten nachgewiesenen Turm der Befestigung von Oberwinterthur. Die beiden anderen Türme liegen auf der gegenüberliegenden Seite des Kirchhügels und flankierten den einzigen bisher nachgewiesenen Zugang zur Befestigung. Ausserhalb der Befestigung wurde in einem Abstand von etwa 8 m ein Wehrgraben ausgehoben, dessen Verlauf hier bisher noch unbekannt war. Der Graben scheint im Nordosten zu enden und Platz für einen Durchgang zu lassen. Im Inneren der Befestigung konnte ein durchgehendes Gehniveau beobachtet werden, Hinweise auf eine spätantike Bebauung fehlen jedoch.

Eine Scherbe der älteren gelben Drehscheibenware deutet auf eine Nutzung dieses Gehniveaus bis mindestens ins fortgeschrittene Frühmittelalter hin. Dies dürfte im Zusammenhang mit der nahegelegenen Kirche St. Arbogast stehen, deren erster Vorgänger wohl spätestens im 7. Jh. errichtet wurde. Zu einem späteren Zeitpunkt wurde das Gelände aufgeschüttet und als Mörtelmischplatz genutzt. Es folgte eine erneute massive Erhöhung des Geländes, mit anschliessender Nutzung als Friedhof, von dem mindestens drei Bestattungen stammen. Hinweise zur genauen Datierung der Gräber liegen bislang nicht vor. 

Wohl im ausgehenden Spätmittelalter wurde das Gelände bis knapp über den Bestattungen gekappt und ein Gebäude mit Keller errichtet. Der Keller befindet sich in der Flucht der spätantiken Befestigungsmauer und deutet auf den Einfluss dieser Mauer auf die nachrömische Bebauung hin. 1514d wurde das Gebäude vollständig abgebrochen und über dem Keller ein Doppelhaus in Bohlenständerbauweise errichtet, das partiell bis heute erhalten blieb (siehe dazu JbAS 103, 2020, 183).