An der Dorfstrasse in Zeihen wird das Gebäude Dorfstr. 7–9 durch einen Neubau ersetzt und das südwestlich anschliessende Garten- und Garagengelände wird mit zwei Mehrfamilienhäusern überbaut. Auf rund 2500 m2 entstehen damit insgesamt drei Mehrfamilienhäuser über gemeinsamer Tiefgarage. Diese wird über die bestehende Tiefgarage unter den Gebäuden Merowingerweg 1 u. 3 erschlossen. Beim Bau dieser Gebäude wurden 2010 Siedlungsspuren des frühen Mittelalters entdeckt und unter grossem Zeitdruck archäologisch untersucht.  Es handelt sich hier um eine der am besten erhaltenen frühmittelalterlichen Siedlungen in der Schweiz. Die archäologische Untersuchung der anschliessenden Parzellen war daher von besonderem Interesse.

Unter dem frühmittelalterlichen Niveau hatte sich bereits auf der Grabung 2010 ein alter Oberboden mit schwachen anthropogenen Spuren gezeigt. Diese Schicht wurde jetzt erneut gefasst. Er enthielt gut erhaltene Keramik der Stufe BzD und zwei grosse, teilweise in den Boden eingetiefte Vorratsgefässe der frühen Spätbronzezeit. Da die Ausgrabungen in diesem Bereich noch nicht abgeschlossen sind, ist mit weiteren Funden dieser selten belegten Epoche zu rechnen.

Ein einzelnes frühkaiserzeitliches Brandgrab mit zwei Balsamarien (Abb. 1) und die für frühmittelalterliche Siedlungen typischen römischen Streufunde, v.a. Leistenziegel-Fragmente, dürften im Zusammenhang mit der bekannten römischen Fundstelle von Zeihen-Stauftel zu sehen sein, die 500 m östlich der aktuellen Ausgrabung liegt. Mutmasslich verlief im Bereich der heutigen Dorfstrasse auch in römischer Zeit eine Strassenverbindung in Richtung der kleinstädtischen Siedlung von Frick. 

Bei der Grabung 2010 liefen die Befunde in Richtung Norden zu der jetzt untersuchten Parzelle hin aus und es wurde nur noch mit einzelnen mittelalterlichen Grubenhäusern gerechnet. Umso grösser war die Überraschung, als eine dicke Schicht mit Funden des 6.-7. Jh. entdeckt wurde. Sie hatte sich in einer alten Geländerinne angesammelt und enthält offenbar auch Abfall der Siedlung.

Geländemulden oder alte Bachrinnen wurden im Aargauer Jura in verschiedenen Epochen dazu genutzt, Abfall zu deponieren und sind für die Archäologie eine wichtige Informationsquelle. Entsprechende Befunde sind vor allem aus der Bronzezeit und dem Endneolithikum bekannt. Bisher wurden aber solche verfüllten Mulden aus dem Frühmittelalter noch nie dokumentiert.

Die Menge an Keramik, an Knochen-, Geweih- und Metallfunden, die in Zeihen-Dorfstrasse 2025 entdeckt wurde, geht weit über das hinaus, was aus den üblicherweise fundarmen frühmittelalterlichen Siedlungen im Mittelland und Jura sonst bekannt ist. Neben der Keramik sind es auch die grossen Mengen an gut erhaltenen Tierknochen und an verkohlten botanischen Resten, die der Fundstelle eine herausragende Stellung verleihen. Eine Auswertung dieser Überreste lässt wesentliche neue Ergebnisse zur Wirtschaftsweise des Frühmittelalters erwarten.

Unter den Funden sind einige Besonderheiten zu nennen: Ein Bärenzahn, der an einem Ende durchlocht war (Abb. 2), hatte im Frühmittelalter wohl eine Amulett- und Schutzfunktion. Das Gleiche gilt für die Rosette eines Hirschgeweihs, die mit Zirkelschlag-Ornamenten verziert ist (Abb. 3). Eine Seltenheit stellt auch eine Gürtelschnalle dar, die aus dem 8. Jh. stammen dürfte. Gürtelschnallen und andere metallene Kleidungsbestandteile und Schmuckstücke sind aus der Zeit nach dem Ende der Beigabensitte im 7. Jh. kaum noch bekannt.

Die wissenschaftliche Qualität des Fundensembles aus der Abfallschicht ergibt sich auch aus der guten Datierung und der Tatsache, dass es sich um sicher unvermischtes Material ohne jüngere Einträge handelt. Die fundreiche Schicht wird nach oben durch ein lehmiges Kolluvium abgeschlossen, das sich im Hochmittelalter bildete.

In die Abfallschicht des 6./7. Jahrhunderts war eine grosse Anzahl Pfostenlöcher eingetieft. Sie datieren ebenfalls noch in das Frühmittelalter, vermutlich ins 7. Jh., und lassen sich unter anderem zu einem Pfostenbau von mindestens 6.50 m Breite und mindestens 12 m Länge rekonstruieren.  

Einige Grubenhäuser und Planierschichten bzw. Hofplätze des 9.-12. Jh. zeigen, dass der Platz weiter besiedelt wurde. Möglicherweise liegen in den noch nicht untersuchten Bereichen unter dem abgebrochenen Bau von 1591/92 noch Reste von Vorgängerbauten. In diesem Fall wäre für Zeihen-Dorfstr. eine 1500-jährige Siedlungskontinuität vom 6. bis ins 21. Jahrhundert belegbar.