Die im Vorjahr begonnenen archäologischen Untersuchungen im Hofbereich des Kammgarnareals wurden 2025 fortgesetzt und Ende des Jahres abgeschlossen. Wegen des engen Zeitplans und der beschränkten Platzverhältnisse wurden die Ausgrabungen etappenweise parallel zu den Bauarbeiten durchgeführt.
Für das Areal, das zwischen dem Kloster Allerheiligen und dem Rhein liegt, konnten verschiedene Phasen und Nutzungen erkannt und dokumentiert werden, auch dank der Unterstützung geoarchäologischer Untersuchungen an einigen Schlüsselstellen. Das Gelände im Bereich der Durachmündung in den Rhein bestand ursprünglich aus einer regelmässig überfluteten Auenlandschaft mit temporär stehenden Wasserflächen. Dies belegt ein mächtiges Lehmpaket, das auf dem Flussgeschiebe der Durach lag. Vermutlich zeitgleich mit der Gründung des Klosters Allerheiligen im 11. Jh. wurde die Auenlandschaft durch diverse Gräben entwässert und durch planierende Massnahmen begeh- und nutzbar gemacht. Von einer ersten Nutzung haben sich nur stellenweise Gehhorizonte, Pfostengruben und einzelne Mauerzüge erhalten. Bei einer grossen Überschwemmung, die mit einer historisch belegten Flut von 1206 in Verbindung gebracht werden kann, lagerte sich ein massives Kiespaket ab und beschädigte vermutlich die ersten Überbauungen auf dem Areal. Das Schadensereignis löste diverse Baumassnahmen aus, so auch den Neubau der Stadtmauer. Rheinseitig stiess ein halbrunder Turm an diese an, eine Holzpfahlreihe könnte zudem von einer Anlegestelle stammen. Direkt hinter der Stadtmauer lagen zwei Sodbrunnen. Daneben wurde ein Gebäude errichtet, dessen Funktion bisher ungeklärt ist.
Wohl mit dem Gesamtneubau der Stadtbefestigung von Schaffhausen in der Mitte des 15. Jh. wurde auch die Stadtmauer am Rhein erneuert und rund 5 m weiter Richtung Süden in den Rhein hineinversetzt sowie das Gelände aufgeschüttet. Nach der Reformation und der damit einhergehenden Aufhebung des Klosters im Jahr 1529 wurde das Gelände umgenutzt und mehrere Gärten angelegt. Am östlichen Rand entstand 1574 das Bogenschützenhaus. In einer um 1600 datierten Darstellung der Schaffhauser Rüeger-Chronik ist das Schützenhaus als massives Fachwerkgebäude mit offener Säulenhalle im Erdgeschoss dargestellt. Wie auf einer Abbildung des 19. Jh. ersichtlich ist, wurde die offene Säulenhalle mit Fachwerkwänden geschlossen. Davon waren im Befund noch Mörtelabdrücke auf einem Sockelfundament erhalten. Im Inneren zeugen mehrere Plattenböden auf unterschiedlichen Niveaus von weiteren Umbauten. Ein Gebäude am westlichen Rand des Gartens beherbergte Wohnungen und zeitweise eine Pfarrei und war mit unterschiedlichen Bodenbelägen versehen. Die Stadtmauer des 13. Jh. diente dabei bis ins 20. Jh. als südliche Aussenmauer.
Mit der Industrialisierung im 19. Jh. erfuhr das Areal eine Umnutzung und wurde mit Neubauten der Textil- und Uhrenindustrie überbaut. Die Stadtmauer wurde abgebrochen und das Gelände im Süden weiter ausplaniert. Um 1866 entstanden die grossen Fabrikgebäude der Kammgarnspinnerei, die Gebäude im Südwesten wurden zu Fabrik- und Wohnbauten umgestaltet resp. erneuert. Ende des 19. Jh. musste auch das Bogenschützenhaus einem Verwaltungsgebäude weichen. Ein Teil der Säulenfragmente des Schützenhauses endete dabei als Spolien in den Fundamenten des Neubaus.
