Ausgelöst durch ein Neubauprojekt findet seit Mai 2025 an der Giebenacherstrasse in Augst eine Notgrabung unmittelbar am Fusse des Castelenplateaus, am nordwestlichen Rand der Oberstadt statt. Die Lage am nördlichen Rand des städtischen Siedlungsareals erlaubt wichtige Einblicke in die Bebauungs- und Nutzungsstrukturen dieses Übergangsbereichs zwischen dem dicht bebauten Siedlungskern und der vermeintlich peripheren Zone. Die rund 500 m2 umfassende Fläche befindet sich in einem bislang wenig erforschten Areal und wurde bis anhin nur als Garten- und Weidefläche genutzt. Im Süden der Grabung des Areals fanden bereits im Jahr 1928 archäologische Untersuchungen statt. Die im Vorfeld des aktuellen Bauprojekts durchgeführten Sondierungen sowie die geophysikalische Prospektion belegen eine mehrphasige und grossflächige Bebauung des Areals.
Die Grabung 2025 bestätigt die Voruntersuchungen. Die Grabungsfläche war von umfangreichem Bauschuttmaterial überlagert, unter dem die Mauerzüge, die zuvor durch die Geophysik lokalisiert worden sind, lagegenau freigelegt werden konnten. Gemeinsam mit den Ergebnissen der Altgrabung von 1928 und den Sondierungen lassen sich auf der untersuchten Fläche zwei terrassierte Gebäudeeinheiten rekonstruieren, die an der Nordrandstrasse ausgerichtet sind (Abb. 1).
Die Gebäudeeinheit im Osten der Grabungsfläche wird durch eine Fassadenmauer MR 1 und eine vorgelagerte Portikus definiert. Die zugehörigen Gehniveaus sind nur fragmentarisch erhalten und meist lediglich im Profil nachweisbar. Rund neun Meter nördlich verläuft mit einer parallele Mauer (MR 3), die zusammen mit der rechtwinklig dazu stehenden Mauer (MR 17) den Grundriss eines über 80 m² grossen Raumes bildet. Hinweise auf eine innere Gliederung fehlen; stattdessen dominieren Schüttungen und dünne Nutzungsniveaus (Abb. 2). Während der strassenseitige Bereich eher offen strukturiert ist, zeigt der rückwärtige Teil eine deutlich kleinteiligere Raumaufteilung.
Die sich westlich anschliessende Gebäudeeinheit ist durch eine komplexe Bauabfolge gekennzeichnet. In einer ersten Phase wurde ein ausgedehnter Kieskoffer angelegt, der als Nutz- oder Arbeitsfläche diente (Abb. 3). Darauf fanden sich dünne Gehniveaus, Hinweise auf Feuerstellen sowie erhöhte Phosphatwerte, die auf tierische Aktivität hindeuten. In einer zweiten Phase wurden mehrere Punktfundamente errichtet, die zusammen einen annähernd quadratischen, etwa 16 m² grossen, zumindest teilgedeckten Bereich definieren. Im Zentrum lag eine Feuerstelle mit Ziegelaufbau, umgeben von stark holzkohlehaltigen Schichten. Zahlreiche Webgewichte sprechen für eine handwerkliche Nutzung. Eine dritte Phase ist durch eine Geländeaufschüttung von rund 0,5 m gekennzeichnet, die möglicherweise im Zusammenhang mit einer Weganlage steht. Gleichzeitig verlieren ältere Strukturen teilweise ihre Funktion. Dieser mögliche Hofbereich bzw. diese Arbeitsfläche könnte bewusst offen oder nur leicht überdacht angelegt worden sein, um den Anforderungen einer oder mehrerer dort ausgeübten handwerklichen Tätigkeiten gerecht zu werden (Abb. 4). Der nordwestliche Teil dieser Gebäudeeinheit ist durch zahlreiche, teils improvisiert wirkende Mauern geprägt, die auf eine rasche Abfolge von Um- und Neubauten hindeuten (Abb. 5). Als Ursachen kommen funktionale Anpassungen, wechselnde Besitzverhältnisse oder konstruktive Anforderungen im Hangbereich in Frage. Eine in situ verstürzte Mauer deutet zudem auf eine Aufgabe des Areals hin, wie sie in Augst vor allem im 3. Jh. beobachtet wird (Abb. 6)
Über das gesamte Areal hinweg lassen sich punktuell Brandschichten nachweisen. Stratigrafisch ist belegt, dass einzelne Steinbauten oberhalb dieser Schichten errichtet wurden (Abb. 7). Dies spricht für eine mögliche ältere Holzbebauung, die durch ein grösseres Schadensfeuer zerstört und anschliessend durch Steinbauten ersetzt wurde.
Das Fundmaterial konzentriert sich deutlich auf das 1. Jh. n. Chr.; spätere Funde sind selten. Dies weist auf eine vergleichsweise kurze Nutzungsdauer hin.
Insgesamt zeigt sich eine eher locker strukturierte, aber in das städtische Raster eingebundene Bebauung am Rand der Koloniestadt. Die Gründe für eine etwaige Aufgabe des Areals zu Gunsten eines anderen Siedlungsplatzes auf dem Stadtgebiet von Augusta Raurica und die genaue Funktion der Gebäude bleiben vorerst offen und werden in der nächsten Grabungsetappe 2026 weiter untersucht.
