Die Erweiterung der Schule Steig mit einer Turnhalle und zusätzlichen Klassenräumen löste eine im September 2025 gestartete Rettungsgrabung aus. Das Ausgrabungsgelände befindet sich ausserhalb der Altstadt Schaffhausen an einer alten Verkehrsverbindung, welche von Schaffhausen aus bis unterhalb des Rheinfalls führte. Hier betrieb die Stadt ab dem späten 13. Jahrhundert ein Sondersiechenhaus, also eine Einrichtung für kranke und arme Leute.

Gemäss Schriftquellen wurde auf dem Höhepunkt der Lepraausbreitung auf der Steig ein Sondersiechenhaus mit Unterkünften für die Kranken, einer Kapelle, einem Friedhof und einer eigenen Wasserversorgung errichtet. Das ganze Areal war von einer Mauer oder Zäunen umgeben. Neben der Separierung von ansteckenden Kranken von der Gesellschaft, diente die Einrichtung bald auch dazu, Menschen mit anderen Leiden bis zu ihrem Tod hier zu pflegen. Nach einem Brand im frühen 14. Jahrhundert wurde eine erste Kapelle erneuert. 1470 folgte der Neubau des Siechenhauses als stattlicher Fachwerkbau, welcher heute noch steht und zum Alterszentrum Steig gehört. Mit der Reformation wurde die Anlage säkularisiert und als Spital, Irren- und Armenhaus weitergenutzt. Ab dem 17. Jahrhundert entwickelte sich um die Anlage herum ein Quartier mit Sommerhäusern wohlhabender Schaffhauser Bürger. Auf Grund der stetigen Bevölkerungszunahme musste die Kapelle 1894 einer neuen Kirche weichen, welche bei der Bombardierung von Schaffhausen am 1. April 1944 beschädigt und abgebrochen werden musste.

Trotz massiver Störungen im Bereich der abgebrochenen, mittelalterlichen Kapelle durch den Bau der Kirche, Leitungsgräben, Baumgruben und einem Velounterstand haben sich die Fundamentmauern und sowohl innen als auch aussen Nutzungsniveaus erhalten. Bislang liessen sich mindestens drei Bauphasen fassen: Ein erster Steinbau wurde vorwiegend aus Bollensteinen gemauert. Später folgten sowohl eine Erweiterung nach Westen wie auch eine Vergrösserung nach Osten aus Kalksteinen, inklusive neuem polygonalem Chorabschluss. Innerhalb des ältesten Baus wurde der Unterbau zu einem Bretterboden gefasst. Er bestand aus gestapelten Tonplatten. Eine Eingangsschwelle aus einem grossen Kalksteinblock gibt ein älteres Gehniveau an, wie auch die aussen anschliessende Kopfsteinpflästerung.

An die Kapelle grenzte einerseits der Friedhof an, andererseits ein Gartenbereich. Darin fanden sich mehrere Gruben mit zahlreichen Funden und Pfostengruben mit Keilsteinen. Von der Frischwasserzufuhr zeugen zwei gemauerte und mit Kalksteinplatten abgedeckte Kanäle.  

Zu den Baubefunden gesellen sich eine Vielzahl an mittelalterlichen bis modernen Bestattungen. Der Friedhof wurde mehrfach erweitert und stets mit neuen Friedhofsmauern umfasst. Die unterschiedliche Bestattungsdichte sowie die mehrlagige Belegung mit vielen Störungen bezeugen seine lange Nutzungsdauer bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts. Insgesamt konnten bis anhin über 200 Individuen geborgen werden, welche sowohl Säuglinge, Kinder als auch Erwachsene beiderlei Geschlechts umfassen. 79 dieser Bestattungen sind dabei dem frühneuzeitlichen und dem modernen Friedhofsareal zuzuordnen. Der ältere Friedhofsbereich befand sich demgegenüber gleich unmittelbar südlich der mittelalterlichen Kapelle und war vom späteren Kirchenbau massgeblich gestört. Nichtsdestotrotz haben sich hier über 140 Bestattungen aus dem Mittelalter und der Neuzeit in mindestens vier Belegungsphasen erhalten. Bei einem Individuum geben stark deformierte Zehen deutliche Hinweise auf eine Lepraerkrankung.

Der Abschluss der Rettungsgrabung wurde auf Oktober 2026 festgelegt. Die Gesamtheit der Befunde aus 700 Jahren Nutzungszeit wird einen tiefen Einblick geben in den Umgang und die Pflege von Kranken und Armen über die Jahrhunderte hinweg und damit in die Sozialgeschichte der Stadt Schaffhausen.