Mit dem Spatenstich am 1. Juli startete im Sommer 2024 das Grossprojekt «Strooss im Wandel – Erneuerung Rheingasse» für die Sanierung der Infrastruktur und den Ausbau der Fernwärme. Die Baumassnahmen werden bis 2027 dauern. Als Teilprojekt begleitet die Archäologische Bodenforschung die Bodeneingriffe (Abb. 1). Archäologische Entdeckungen der letzten Jahre in Kleinbasel legen nahe, dass auch das rechte Ufer des Rheins spätestens ab der Bronzezeit besiedelt war. Deshalb hofften wir, weitere aufschlussreiche Erkenntnisse zur Geschichte dieses Stadtviertels zu gewinnen, vor allem zu den urgeschichtlichen rechtsrheinischen Siedlungsspuren, zur Umgebung der römischen Kleinfestung, dem sogenannten munimentum, und zur Lage und Entwicklung der frühmittelalterlichen Siedlung.

Die erste Etappe der archäologischen Ausgrabungen deckte die Bereiche zwischen Lindenberg und Reverenzgässlein ab. Die Grabungsflächen lagen ausschliesslich innerhalb der neuen Leitungsgräben und erlaubten fragmentarische Einblicke in die archäologische Substanz. Bisweilen konnten über dem anstehenden Rheinschotter bronzezeitliche Funde beobachtet werden. Keramikscherben, Holzkohlereste und vereinzelte Pfostenlöcher zeichneten sich in den ansonsten homogenen Hochflutsanden des Rheins ab. Wiederholt fanden sich auch wesentlich jüngere, mittelalterliche und neuzeitliche Schichten direkt über dem anstehenden Rheinschotter. Zahlreiche jüngere Bodeneingriffe haben dazu geführt, dass prähistorische und römische Befunde fehlen, vor allem im Bereich des Lindenbergs. Die Hochflutsande sowie die darin eingelagerten prähistorischen und wohl auch römischen Befunde sind also in vielen Abschnitten der Rheingasse bereits in historischer Zeit gekappt und anschliessend durch massige Bauschuttlagen überprägt oder ersetzt worden.

Diese Ab- und Aufplanierungen sollten das Gelände mit seinem natürlichen Gefälle korrigieren und an neue Bedürfnisse anpassen. In erster Linie dürften sie der Entwicklung der Infrastruktur, insbesondere dem offengeführten Nutz- und Abwasserkanal, gedient haben, der im 13./14. Jahrhundert erbaut wurde. Dieser sogenannte Stadtbach wurde mit Wasser vom Riehenteich gespeist, das durch das Riehentor in die Stadt und in das Kanalsystem Kleinbasels geleitet wurde. Die Überreste dieses ausgeklügelten Wassersystems konnten seit Beginn des Fernwärmeausbaus in Kleinbasel immer wieder beobachtet werden. Die Konstruktion des Kanalsystems in der Rheingasse ist dabei sehr einheitlich (Abb. 2): Zuerst wurde ein Fundament aus Mörtel und Geröllen angelegt; anschliessend setzte man die Kanalsohle und die Seitenwangen aus grob behauenem Buntsandstein ein. Um die Häuser südlich des Kanals vor Wasserschäden zu bewahren und um den Kanal abzudichten, wurde an manchen Stellen zusätzlich ein kompakter Ton seitlich in die Baugrube eingebracht. Das Kanalsystem war mittig in die Strasse eingetieft worden. Zahlreiche Abzweigungen links und rechts der Gasse versorgten die angrenzenden Liegenschaften mit Wasser. Bis 1862/1863 wurde der Kanal offen geführt, bevor man ihn mit Kalkplatten abdeckte und 1863 die ersten Asphalttrottoirs angelegt wurden.

Die Trinkwasserversorgung wurde hingegen durch Sodbrunnen gewährleistet wie zum Beispiel durch den sogenannten Mönchs-Sod, der bei Grabungen vor den Liegenschaften Rheingasse 57/59 dokumentiert werden konnte. Er war 1747 erbaut worden und bis 1856 in Gebrauch, bevor die Cholerakommission seine Nutzung einstellen liess.

In nächster Nähe zum Sodbrunnen konnte bei den Ausgrabungen 2024 noch eine frühere umfassende Veränderung der Geländestruktur nachgewiesen werden. Unter und vor dem Hermann Hesse-Platz fanden wir unter spätmittelalterlichen und neuzeitlichen Mauerresten und Strassenkoffern einen breiten Graben, der anhand der Keramik in den unteren Lagen seiner Verfüllung in die spätrömische Zeit datiert werden kann. Dazu gehören römische Leistenziegel, Fragmente einer Amphore und von zwei Terra Sigillata Schüsseln aus den Argonnen (F), die zwischen 350–450 n. Chr. datieren (Abb. 3). Sowohl am Hermann Hesse-Platz als auch unterhalb der modernen Strasse vor der Liegenschaft Rheingasse 57 konnte der Graben gefasst werden, wo er bis in eine Tiefe von –1.97 m unterhalb des heutigen Strassenbelags verfolgt werden konnte. Die Grabensohle hatten wir auf diesem Niveau jedoch noch nicht erreicht. Die Datierung, Ausrichtung und Lage des Grabens nur 20 m vom munimentum lässt vermuten, dass er in direktem Zusammenhang mit der römischen Kleinfestung stehen könnte. Dieser Grabenabschnitt ergänzt den Spitzgraben, der bereits 2021 in der Riehentorstrasse entdeckt wurde und bestätigt das Bild einer Grabenanlage um die militärische Befestigung am Rhein. Mit grosser Wahrscheinlichkeit werden wir in den folgenden Etappen des Projekts den Graben an weiteren Stellen der Rheingasse finden, sodass wir dessen Verlauf sowie seine Ausmasse besser verstehen können.

Dass die römischen Schichten beim Hermann Hesse-Platz erhalten sind, ist ein Glücksfall. Während andernorts die meisten archäologischen Befunde durch neuzeitliche Aktivitäten zerstört sind, wurde auf den Liegenschaften 53 und 55 kein unterkellerter Neubau errichtet. Nur wenig entfernt vom römischen Graben fanden sich Reste eines frühmittelalterlichen Grubenhauses. Ein zweites Grubenhaus wurde dieses Jahr in Kleinbasel Ende des Jahres bei den Ausgrabungen im «Schwarzen Bären» entdeckt. Ob beide in die gleiche Zeit datieren, muss noch abgeklärt werden. Dennoch verdichten sich Hinweise auf die frühmittelalterliche Siedlung, nach der seit der Entdeckung der frühmittelalterlichen Gräber bei der Theodorskirche im Jahr 1844 gesucht wurde.

Das heutige Erscheinungsbild, wie sich die Rheingasse mit engen Häuserreihen links und rechts der Strasse präsentiert, wird wohl erst mit dem Bau der Stadtmauer entlang des Rheinufers entstanden sein. Allerdings war der mittelalterliche Strassenbereich der Rheingasse bedeutend schmaler. Das zeigen Häuserfronten der älteren Bebauung, die vor den Liegenschaften 51, 57 und 86 dokumentiert werden konnten und deutlich weiter ins moderne Trottoir ragten. Die Gründe für das auffällige Zurückspringen der Häuserfronten im Bereich 51–65 wurden schon in früheren Forschungsschriften hinterfragt. Dass diese Formation aber erst im Spätmittelalter entstand, belegen die archäologischen Ausgrabungen.

Die Bauarbeiten in der Rheingasse werden auch im Jahr 2025 fortgesetzt und von der archäologischen Bodenforschung begleitet.