Die Obergass in Schaan gilt seit Langem als eine der archäologischen Kernzonen in Schaan. Die zahlreichen Fundstellen aus urgeschichtlicher, römischer und (früh-)mittelalterlicher Zeit belegen dies eindrücklich. Die im Herbst 2024 durchgeführte Ausgrabung in der Obergass 46 – mit Gebäuderesten und Bestattungen aus römischer Zeit bis ins frühe Mittelalter – rückte das direkt südwestlich liegende Nachbargrundstück Nr. 532 aufgrund eines geplanten Abbruchs und Neubaus in den Fokus der Archäologie (Abb. 1).
Nach Beendigung der Abbrucharbeiten des Altbaus fanden sich in den Profilen der Baugrube zunächst keine archäologisch relevanten Strukturen. Mit Beginn der baulichen Erschliessung des Grundstücks Mitte September wurde ein Leitungsgraben für Versorgungsanschlüsse angelegt. Der vordere Abschnitt des Leitungsgrabens war durch die bereits bestehende Kanalisation gestört. Im noch ungestörten Bereich konnte eine Kulturschicht dokumentiert werden, die Leistenziegel, tierische Knochen und Hüttenlehm enthielt. Die fundführende Schicht erstreckte sich über die gesamte von den Bauarbeiten betroffene Fläche. Im Westprofil des Leitungsgrabens konnte knapp 40–50 cm unter der rezenten Oberfläche zudem ein Mauerfundament dokumentiert werden. Die Struktur ähnelt den während der Ausgrabung 2024 in der Obergass 46 freigelegten Mauerbefunden. Eine präzise zeitliche Einordnung ist aufgrund des geringen erhaltenen Ausschnitts nur bedingt möglich, zumal die Mauer stark von rezenten Eingriffen überprägt war.
In den Gräben der Streifenfundamente für den geplanten Neubau traten unterhalb der fundführenden Kulturschicht mehrere anthropogene Strukturen zutage. Auf der gesamten untersuchten Fläche wurden fünf Gruben sowie ein mögliches Pfostenloch gefasst. Von diesen konnten vier Befunde vollständig ausgegraben und dokumentiert werden (Abb. 2). Die fünfte Grube (Pos. 9), deren Querschnitt eine V-Form aufwies, wurde während der maschinellen Arbeiten grösstenteils zerstört. Ihre Form war nur noch im Profil des Fundamentgrabens zu fassen.
In der südwestlichen Ecke der Baugrube fanden sich fünf Gruben (Pos. 4–7 und Pos. 9) in unmittelbarer räumlicher Nähe zueinander. Die Gruben Pos. 4 und Pos. 5 stellten zwei relativ kleine und flache Strukturen dar, die nur wenige Zentimeter von einer grösseren, als Abfallgrube interpretierten Struktur (Pos. 6) entfernt lagen. Aus der Verfüllung der Grube Pos. 4 wurde im unteren zentralen Bereich eine Münze geborgen. Diese, als provinzialrömische Prägung anzusprechende Münze mit dem Konterfei des Kaisers Septimius Severus (193–211), datiert in das letzte Drittel des 2. Jahrhunderts. In der südlichen Hälfte der Verfüllung von Grube Pos. 5 kam zwischen zwei Steinen eine Emaillescheibenfibel aus Buntmetall mit Scharniervorrichtung zum Vorschein. Die figurale Darstellung (Hase) ist durch Buntmetallstege abgetrennt. Während die Emaillefüllung des Hasen ausgebrochen ist, sind die blauen Emaille-Reste der Grundfläche noch grösstenteils erhalten. Diese Art von Scheibenfibel tritt bereits ab dem letzten Drittel des 1. Jahrhunderts auf und ist bis ins frühe 3. Jahrhundert verbreitet.
Das umfangreichste Fundspektrum stammt aus Grube Pos. 6. Das Fundgut umfasst Hüttenlehm, Reste eines schlecht erhaltenen Bronzeblechs, den fragmentierten Standfuss einer Terra-Sigillata-Schale, Fragmente von tierischen Knochen sowie Baukeramik. Besonders hervorzuheben ist die Randscherbe eines spätrömischen Glasbechers mit aufgeschmolzenen blauen Nuppen. Vergleichsstücke dieses weit verbreiteten Typs datieren in die Zeit von ca. 350–400/450 n. Chr. (Abb. 3). Grube Pos. 7 war nahezu vollständig mit Steinen ausgekleidet, die deutliche Spuren von Hitzeeinwirkung aufwiesen. Bis auf einen einzelnen Knochensplitter blieb die Struktur jedoch fundleer. In der nördlichen Hälfte der Baugrube wurde zudem eine weitere, ebenfalls mit Steinen ausgekleidete Struktur (Pos. 8) dokumentiert, die als Pfostenloch interpretiert wurde.
Insgesamt sprechen die Befunde und Funde für eine komplexe Nutzung des Areals in der Spätantike mit unterschiedlichen Funktionsbereichen. Weitere Untersuchungen im Umfeld sowie der Einbezug der Ergebnisse der Ausgrabung in der benachbarten Obergass 46 könnten zu einem besseren Verständnis und einer besseren Einordnung in einen grösseren siedlungsarchäologischen Kontext beitragen.
