Nördlich der Zürcherstrasse von Windisch, auf einem seit den 1960er-Jahren flächig mit Tankstelle, Autowerkstatt und Wohnhäusern überbauten Areal, wurde ab 2018 mit Plänen für eine neue Grossüberbauung mit gemeinsamer Tiefgarage (Projektname «via romana») begonnen. Bezogen auf die antike Situation mit dem römischen Legionslager Vindonissa liegt der fragliche, ca. 4100 m2 grosse Betrachtungsperimeter unmittelbar vor der südwestlichen Lagerumwehrung mit Mauer, vorgelagertem Spitzgrabensystem und begleitender Kiesstrasse. Der Bauplatz liegt ca. 130 m westlich des Südtors des Legionslagers, dessen moderne Inszenierung nach einer Grossgrabung 2003–2006 seit 2008 Teil der «Archäologiestätte via et porta praetoria» ist. Schräg gegenüber, d.h. südlich der Zürcherstrasse, haben zwischen 2010 und 2021 bereits umfangreiche Flächengrabungen der Kantonsarchäologie Aargau stattgefunden
Um gesicherte Anhaltspunkte zur allfällig noch vorhandenen archäologischen Substanz zu erhalten, sondierte die Kantonsarchäologie bereits 2021 im einzigen noch frei zugänglichen Teilareal den exakten Verlauf der südlichen Legionslagermauer. So konnte der unterirdische Fussabdruck des Bauprojekts frühzeitig angepasst werden, um diesen wichtigen archäologischen Befund beim geplanten Neubau weitgehend unangetastet im Boden zu belassen. Nach Eingang einer rechtsgültigen Baubewilligung erfolgte im Herbst 2024 der Abriss des ober- und unterirdischen Baubestands sowie ein archäologisch begleiteter Abtrag aller Hartbeläge und des grossflächig kontaminierten Oberbodens. Es zeigte sich, dass unmittelbar unter den modernen Hartbelägen trotz zahlreicher neuzeitlicher Bodeneingriffe wie Keller, Öltanks und Werkleitungen noch grossflächig intakte archäologische Schichten vorhanden waren, die im Bereich der römischen Spitzgräben eine maximale Schichtabfolge von bis zu 3 m aufwiesen. Aufgrund dieser Situation musste eine weitere Grossgrabung geplant werden, die nach Bewilligung eines Grabungskredits durch den Regierungsrat des Kantons Aargau von September 2025 bis voraussichtlich Juli 2026 mit einem 15-köpfigen Team durchgeführt wird.
Über die wichtigsten Ergebnisse der Projektgrabung kann daher erst nach Abschluss der Feldarbeiten zusammenfassend berichtet werden. Im Berichtzeitraum 2025 stand die Anlage eines grossen, fast 30 m langen, Nord-Süd orientierten Schnitts durch die gesamte Lagerumwehrung im Mittelpunkt der Feldarbeiten (Abb. 1-2). Das mehrphasige Spitzgrabensystem sowie eine parallel dazu verlaufende Kiesstrasse zeigten sich im Befund und in ihrer chronologischen Ausprägung dabei so, wie 2003–2006 bei den Ausgrabungen nahe beim Südtor des Legionslagers festgestellt wurden. Gut erhalten war die letzte, offenbar intentional eingebrachte Zufüllung des jüngsten, einfachen Spitzgrabens der 11. Legion. Im Abbruchschutt der einstmals nördlich davon stehenden Lagermauer fanden sich, wie in früheren Jahren, mehrere bearbeitete Werksteine wie Zahnfriese und Halbwalzensteine. Eine kaum gelaufene, 98 n. Chr. geprägte Münze des Traian aus diesem Abbruchschutt bestätigt numismatisch den bislang über Münzen, Keramik und historischen Kontext erschlossenen Abzug der letzten Legionslagerbesatzung aus Vindonissa in willkommener Weise.
