Die Schlossanlage Murten hat aktuell eine gegen den Murtensee offene U-Form. Der Einfachheit halber wird für die Orientierung in Murten üblicherweise der von Südwesten nach Nordosten ausgerichtete See als Norden angesehen.
Gegenstand der bauarchäologischen Untersuchungen im Sommer 2025 war der Südwestturm. Dieser stellt einen von zwei erhaltenen Halbschalentürmen dar, wobei der zweite Turm den Abschluss der Anlage im Nordwesten bildet (Abb. 1).
Der Südwestturm besitzt fünf Geschosse, von denen das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss von Umbauarbeiten betroffen waren. Abgesehen von den Räumlichkeiten dieser Stockwerke wurde aus gegebenem Anlass auch das Untergeschoss analysiert. Da gleichzeitig die Aussenschale bis zum zweiten Obergeschoss teilweise eingerüstet war, erfolgte auch eine Dokumentation dieses Bereichs. Abgewitterte Gewände machten eine Sanierung notwendig, wobei sich diese Arbeiten bis zum Zugangstor in der Südwand erstreckten.
Die eingangs erwähnten Halbschalentürme wurden von Peter von Savoyen in der Mitte des 13. Jahrhunderts gegen die bestehende Umfassungsmauer errichtet (Kernbauphase für das Schloss ab 1170er Jahre). Die Fensterformen des Südwestturms im ursprünglich obersten Geschoss geben einen guten Datierungshinweis (Abb. 2), denn sie finden gute Vergleiche beim Schloss Yverdon VD, die aus dem Jahr 1266/67 stammen. Original erhalten sind auch zwei Bogenscharten und mehrere Nischen im Innern des Turms. Wie aus Symmetriegründen erwartet werden kann, dockt der Turm zentrisch an das stumpfwinklige Mauerknie an. Es fällt auf, dass die Mauerdicke beidseits des Knies unterschiedlich ist und im Westen nur 90 cm beträgt. Offenbar lag hier eine Schwachstelle vor, die nach der Errichtung des Turms, gegen Ende des 13. Jahrhunderts, durch den Bau einer 1.4 m mächtigen Vormauerung behoben wurde. Die kriegerischen Wirren zwischen den Savoyern und den Habsburgern, die die Stadt Murten zwischen 1263 und 1310 durchlief, machten diese Massnahme notwendig. Jedoch ist unklar, wer den Auftrag für diese nachträglichen Verstärkungsarbeiten gab. Der Turm ist zur Bauzeit noch ungedeckt, wie die teilweise erhaltenen Wasserspeier belegen. Die Aufstockung des Turms erfolgte ebenfalls mit Tuffstein und nach widersprüchlicher historischer Überlieferung womöglich erst zu Beginn des 14. Jahrhunderts.
Zum jetzigen Zeitpunkt lassen sich die grossvolumigen Brandrückstände, die ehemals das Untergeschoss ausfüllten, nicht datieren. Es ist von einer Auffüllung auszugehen, denn die Balkenlöcher, die bis 1.1 m tief in die Mauer greifen, sind mit Schutt verfüllt. Wurden hier die Brandrückstände nach einem grösseren Brand entsorgt? Von einem Brand zeugt auch eine eindeutige Brandrötung im ersten Obergeschoss (Abb. 3). Fielen Teile des Schlosses und damit auch der Südwestturm der Feuerbrunst von 1416 zum Opfer? Die Basishölzer und die Sparren des Dachstuhls, die ins Jahr 1416 datieren, stützen diese Hypothese.
Verschiedene neu eingebaute Scharten für Pulvergeschütze weisen ins 16. Jahrhundert. Zur gleichen Zeit wurden die Balkenlagen durch Gewölbe ersetzt.
Die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erfolgte Errichtung des Latrinenturms (vgl. Abb. 1) zwischen Westwand und Südwestturm machte eine der Zumauerungen der Geschützscharten notwendig. Dieser Anbau hat Anhaltspunkte auf die relativchronologische Abfolge von ursprünglicher Umfassungsmauer, Schalenturm und Vormauerung zwar zum grössten Teil verdeckt, gewisse Hinweise haben sich aber sichtbar erhalten.
Ein letztes wichtiges Ereignis vor den zeitgenössischen Nutzungsänderungen und Umbauten stellen der Abbruch des Obertors im Jahr 1805 und die damit zusammenhängenden Niveauveränderungen vor dem Turm dar.
In Zusammenschau mit den Erkenntnissen aus der Untersuchung der Westfassade, des zum Standesamt führenden Raums und von Teilen der Südfassade (2017–2019) wird die Auswertung der Ergebnisse aus der jüngsten Bauanalyse erlauben, ein genaueres Bild der Bauchronologie in der Südwestecke der Schlossbauten zu zeichnen.
